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John Entwistle (+ 27. Juni 2002)

Who-Bassist John Entwistle: Nachruf auf den Donnerfinger


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Es gibt zwei Szenen in "The Kids Are Alright", jenem autobiografischen Film, den The Who 1978 über sich drehen ließen, die John Entwistle vielleicht am treffendsten charakterisieren: Zu Beginn treibt die Band bei einem Fernsehauftritt im Jahre 1967 einen Showmaster mit ihren Sprüchen fast zur Verzweiflung, dann spielen sie ihren wütenden Hit "My Generation", der immer mehr in eine Lärmorgie mit ohrenbetäubenden Rückkopplungen ausufert.

Gitarrist Pete Townshend zertrümmert seine Gitarre mitsamt Verstärker und Boxen, Drummer Keith Moon tritt sein Schlagzeug vom Podest und zündet zu guter Letzt noch eine Ladung Schwarzpulver, die er in der Basstrommel versteckt hatte. Es gibt einen Riesenknall, eine Stichflamme schießt hervor und das ganze Studio ist plötzlich mit Rauch gefüllt. Sänger Roger Daltrey flieht, bei Townshend ist das Trommelfell geplatzt, Moon liegt irgendwo in der Ecke - nur der Bass spielt immer noch. John Entwistle steht mit stoischer Ruhe an seinem Platz vorne links und ist nicht einmal zusammengezuckt. Als er merkt, daß der Rest der Band im Studio herumirrt, hört er auf zu spielen und bleibt einfach stehen.

Seine Ruhe, seine manchmal fast gelangweilt wirkende Haltung inmitten einer der wildesten und aufregendsten Bands der Sechziger, in der Daltrey das Mikrofon bis fast an die Hallendecke schwang, Townshend seinen rechten Arm wie einen Windmühlenflügel über der Gitarre kreisen ließ und Moon die Trommelstöcke durch die Luft wirbelte, hat John Entwistle schon früh den Spitznamen "The Ox" eingetragen. Das war aber nur eine Seite des 1944 im Londoner Stadtteil Chiswick geborenen Bassisten.

In jener anderen Szene in "The Kids Are Alright", die etwa 1978 spielt, schreitet Entwistle gemächlich die Treppen seines Landhauses herunter, nimmt eine paar goldene Schallplatten von der Wand, greift sich den Gitarrenkoffer und geht zur Tür. Schnitt. Der Bassist steht im Park, öffnet den Koffer und holt eine Maschinenpistole heraus. Auf sein Kommando fliegt die erste der Schallplatten durch die Luft, auf die Entwistle nun ein konzentriertes Tontaubenschießen mit etwas unfairer Bewaffnung veranstaltet. Am Ende bleibt er mit rauchender MP und diabolischem Grinsen einfach stehen. Mal wieder.

John Entwistle, der vor seiner Karriere bei The Who als Finanzbeamter gearbeitet hatte und als begnadeter Jagdhorn-Spieler gefeiert wurde, war ein britischer Exzentriker, wie er im Buche steht. Die gegensätzlichen Seiten, die er verkörperte, drückte Entwistle in Liedern wie "Dr. Jekyll & Mr. Hyde" aus. Im Who-Konzeptalbum "Quadrophenia" von 1974, das die Geschichte des jungen Mod Jimmy und dessen gespaltener Persönlichkeit erzählt, steuert Entwistle die reflektierende Rolle von "Doctor Jimmy and Mr. Jim" bei, der auf der Suche nach dem eigenen Selbst ist. "Is it me, for a moment?", lautet "John's Theme" auf der Platte.

Im Gegensatz zu Jimmy, der an dieser Suche zerbricht, kam John Entwistle mit den unterschiedlichen Facetten seiner Persönlichkeit sehr gut zurecht. Auf der Bühne war er der Ruhepol, innerhalb der Band verstand er sich am besten mit dem genialen, aber reichlich verrückten Schlagzeuger Keith Moon, der 1978 an einer Überdosis Tabletten starb. Auch seine Songs - Entwistle war der Einzige, der neben Pete Townshend bei den Who eigene Nummern schrieb - kreisten er immer wieder mit schwarzem Humor um skurrile Themen.

Legendär blieb neben "My Wife", der Abrechnung mit einer bösartigen Ehefrau, vor allem "Boris The Spider", in dem Entwistle die nächtliche Suche nach einer dunklen, haarigen Spinne in allen Einzelheiten beschreibt. Der Song und die von Pete Townshend nachgestellte Jagd geriet stets zu einem Höhepunkt bei den Auftritten der Band - nicht zuletzt dank des dramatischen Basslaufs, den sich Entwistle selbst auf den Leib schrieb. Ohnehin prägte der Bass, der oft die Rolle der Leadgitarre übernahm, viele Who-Songs, selbst bei "My Generation" klingt er prägnanter als Townshends Gitarre. Nicht umsonst lautete Entwistles zweiter Spitzname bei Musikerkollegen "Thunderfingers", er gilt bis heute als einer der besten Bassisten der Rockgeschichte.

Generationen von Nachwuchstalenten haben sich bei dem Versuch, Entwistles schnelles und unglaublich präzises Spiel mit den vielen raffinierten Breaks zu kopieren, Knoten in die Finger gespielt. Wegen seines harten Anschlags klingen manche Instrumentalparts des Who-Bassisten heute wie ein Vorläufer für spätere Heavy Metal-Akkorde. Dank seiner tragenden Rolle in der Band stand Entwistle nie im Schatten von Daltrey und Townshend, sondern galt den Fans immer als ebenso störrischer wie nötiger Widerpart zum exaltierten, manchmal überdrehten Gehabe seiner Kollegen. Schon früh löste er sich zudem aus dem Rahmen der Band, veröffentlichte zwischen 1971 und 1981 fünf Solo-Platten und ging mit alten Kumpels wie dem früheren Beatles-Schlagzeuger Ringo Starr auf Tour. 1996 erschien noch eine "Best of"-CD unter dem Titel "Thunderfingers".

John Entwistle ist am Donnerstag im Alter von 57 Jahren in einem Hotel in Las Vegas gestorben, wahrscheinlich an einem Herzanfall. Gestern Abend wollte er dort mit The Who eine Nordamerika-Tournee beginnen. (rm)


-> Weitere Informationen unter:
http://www.thewho.net/




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